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Tempomacher: Die Zukunft der Immobilienwirtschaft ist digital

Die deutsche Immobilienwirtschaft hat bei der Digitalisierung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Doch der Blick in die Unternehmen zeigt: Viele weitere Innovationen kommen schon bald.

   

Martin Rodeck ist der Pulsmesser für die Digitalisierung der deutschen Immobilienwirtschaft. „Unsere Branche stellt sich der Mammutaufgabe ihrer digitalen Transformation auf allen Ebenen“, sagt der Innovationsbeauftragte des ZIA, kurz für: Zentraler Immobilien Ausschuss. Dabei hätten einige Unternehmen noch vor fünf Jahren wenig über Zukunftsthemen wie Sensorik oder Automatisierung gewusst, erinnert er sich. Auch PropTech – ein Kurzbegriff für Start-ups aus dem Bereich Property (Immobilie) und Technologie – war damals vielfach noch ein Fremdwort. 

Heute ist die Immobilienwirtschaft ein großes Stück weiter. Das weiß Martin Rodeck, weil der ZIA seine Mitgliedsunternehmen gemeinsam mit den Beratern von EY Real Estate seit fünf Jahren regelmäßig dazu befragt. In der aktuellen Digitalisierungsstudie sind neuesten Ergebnisse umfassend aufbereitet. 

Die Anwendungsmöglichkeiten neuer Technologien sind mittlerweile so vielfältig wie die Branche selbst. Ob Projekt-Entwickler oder Baufirmen, Bewirtschafter oder Dienstleister, Investoren oder Berater: Alle Akteure entlang des Lebenszyklus‘ einer Immobilie spüren das Potenzial – und mitunter auch den Veränderungsdruck – durch neue Technologien. Das fängt im vermeintlich Kleinen an: Elektronische Rechnungen ersetzen Papierpost, Heizungen lassen sich per Funk ablesen. Doch das ist nicht alles: Immobilienmakler vermitteln ihre Objekte auf digitalem Wege. Materialeinsatz und Ressourcenverbrauch von Neubauten lassen sich per 3D-Visualisierung präzise vorhersagen. Smarte Sensoren und Künstliche Intelligenz helfen dabei, technische Anlagen in Gebäuden instand zu halten und Energie einzusparen.  

In anderen Worten: Das Marktumfeld für viele Unternehmen der Immobilienwirtschaft verändert sich fundamental. Das erfordert eine tiefgreifende Transformation von Geschäftsmodellen und Organisationsstrukturen bis hin zur Unternehmenskultur. Die Ergebnisse der Digitalisierungsstudie machen deutlich: Die Unternehmen haben erkannt, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen – auch, wenn er mühsam ist. 

   

Erfolge: Mehr Investitionen, mehr Kooperationen, mehr Expertise 

Digitalisierungsschritte in Unternehmen kosten zunächst einmal Geld. Wer wissen will, wie ernst die Immobilienwirtschaft es mit der Transformation meint, muss deshalb die Entwicklung der Investitionsvolumina betrachten. Und hier zeigt die Tendenz klar nach oben: Rund 27 Prozent der insgesamt 250 Befragten gaben an, mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes in Digitalisierung zu investieren. 2018 lag ihr Anteil noch bei 14 Prozent. 12 Prozent der Unternehmen stecken sogar mehr als jeden fünften Euro Umsatz in den digitalen Fortschritt. 

Nach eigener Auskunft befindet sich fast jedes zweite Unternehmen (45 Prozent) in der Etablierungsphase neuer Technologien. Das ist die dritte Stufe in einem Modell, das in insgesamt vier Etappen zur „digitalen Exzellenz“ führt. Weitere 39 Prozent der Studienteilnehmer verorten sich in der Entwicklungsphase, also auf der zweiten Stufe. 

Die bereits erwähnten PropTechs spielen in diesem Reifungsprozess eine wichtige Rolle: Sie sind nicht nur längst im Bewusstsein der etablierten Unternehmen angekommen, sondern sitzen als innovative Kooperationspartner mit am Tisch. „Diese technologiegetriebenen Unternehmen bringen neue und wichtige Themen mit neuen digitalen Lösungen, Produkten, Services und Geschäftsmodellen ein“, sagt ZIA-Innovationsexperte Rodeck. Daneben haben viele ZIA-Mitglieder im eigenen Unternehmen neue Abteilungen für Digitalisierungsprojekte geschaffen, beschäftigen mittlerweile hochspezialisierte Digital-Teams, technische Leiter und Software-Entwickler. 

Nach dem Antrieb dafür gefragt, herrscht große Einigkeit unter den befragten ZIA-Mitgliedern: 98 Prozent zeigten sich überzeugt, dass die Digitalisierung nützliche Daten und Informationen generiert. Fast ebenso viele (97 Prozent) setzen große Hoffnung in die Optimierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen. Besonders interessant: Während die ZIA-Mitglieder in den vergangenen Umfragen das Potenzial digitaler Technologien für den Klimaschutz noch nicht flächendeckend auf dem Zettel hatten, erwarten laut der jüngsten Befragung aus dem Sommer 2020 nunmehr fast acht von zehn Befragten (79 Prozent), dass sich damit Energie und Ressourcen einsparen lassen. 

    

Herausforderungen: IT-Infrastruktur und personelle Ressourcen

Vom Nutzen der Digitalisierung muss die Immobilienwirtschaft also nicht mehr überzeugt werden. Für eine schnellere Umsetzung täte der Studie zufolge aber ein bisschen mehr Pioniergeist gut: Ein Großteil der befragten Unternehmen sieht sich auf dem Feld der Digitalisierung bisher eher als „Fast Follower“ (74 Prozent), nicht als „First Mover“ (46 Prozent). Etliche Unternehmen übernehmen also gerne vorteilhafte, neue Technologien – aber das Risiko, sie selbst zu entwickeln und auf dem Markt zu erproben, überlassen sie lieber anderen. „Auch wenn Potenziale der Digitalisierung durchaus wahrgenommen und gewünscht werden, bereitet der erste Schritt oftmals Schwierigkeiten“, schreiben die Autoren der Studie.  

Nachholbedarf sehen sie auch auf dem Feld der IT-Infrastruktur, die wiederum die Basis für eine erfolgreiche Digitalisierung ist. Viele Unternehmen seien hier zwar „auf dem richtigen Weg“, doch nur rund 54 Prozent der Befragten verfolgen nach eigener Aussage eine stringente IT-Strategie und sehen ihre IT-Infrastruktur gut aufgestellt. Die größte Herausforderung, so macht die Studie deutlich, hat aber immer noch mit dem Faktor Mensch zu tun: Während viele ZIA-Mitglieder in früheren Befragungen bemängelten, dass es an Digitalisierungsstrategien in ihren Unternehmen fehle, beklagen sie aktuell vor allem den Mangel an personellen Ressourcen für deren Umsetzung.

    

Perspektiven: Stresstest bestehen, smarte Gebäude bauen

Bei allen Hürden, die es noch zu überwinden gilt: Die Zukunft der Immobilienwirtschaft ist digital. Das hat die Corona-Pandemie der Branche nochmals eindrücklich vor Augen geführt. Sie habe der Branche den „wohl größten und zugleich am wenigsten vorbereiteten Stresstest“ ihrer digitalen Infrastruktur beschert, beschreibt es ZIA-Mann Martin Rodeck. Drei von vier Unternehmen haben sich der Umfrage zufolge in Zeiten von Covid-19 verstärkt mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt – teils notgedrungen. 

Doch es geht um weit mehr als um das mobile und kollaborative Arbeiten innerhalb der Unternehmen. Die Pandemie hat auch die Vorteile digitaler Technologien aufgezeigt, wenn es etwa um die Anforderungen an den Gesundheits- und Infektionsschutz in Gebäuden geht. Vernetzte Sensoren können beispielsweise die optimale Auslastung von Flächen messen oder den Luftaustausch in den Räumen steuern. „Intelligente Gebäude sind widerstandsfähiger“, sagt Rodeck. Und doch sind sie in Deutschland noch eine Seltenheit.

Die vielfältigen Potenziale der Digitalisierung fest im Blick, ist die Marschrichtung aus Sicht des Innovationsbeauftragten deshalb klar: Die Immobilienwirtschaft müsse die Transformation mit voller Kraft weiter vorantreiben – und die „Chance nutzen, zum Innovationstreiber der nächsten Stufe der Digitalisierung zu werden“.

   

ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss e.V.