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„Ungeheure Schlagkraft zum Wohle der Gesellschaft“

Dr. Andreas Mattner ist Präsident des Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA), Spitzenverband der deutschen Immobilienwirtschaft. Im Interview erklärt er, was seine Branche einzigartig macht – und warum sie teils immer noch unterschätzt wird. 

    

Frage: Herr Dr. Mattner, Sie haben die Immobilienwirtschaft, die Sie als ZIA-Verbandspräsident vertreten, einmal einen „Scheinzwerg“ genannt. Was meinen Sie damit?

Mattner: In Michael Endes bekannter Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer gibt es einen Scheinriesen namens Tur-Tur. Aus der Ferne erscheint er riesengroß, aber je näher er kommt, desto kleiner wird er. Bei der Immobilienwirtschaft in Deutschland ist es genau andersherum. Sie ist ein Scheinzwerg: Man vermutet sie eher kleiner, aber bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich als eine der wichtigsten Branchen der deutschen Volkswirtschaft – mit 833.000 Unternehmen und 3,3 Millionen Beschäftigten, mit einem Anteil an der Gesamtwertschöpfung in Höhe von 19 Prozent und einer Bruttowertschöpfung von 601 Milliarden Euro entlang ihrer Wertschöpfungskette. Die Immobilienwirtschaft, das ist eben nicht nur die Baufirma oder der Wohnungsvermieter. Das sind auch die Architekten, Stadtplaner, Hausmeister, IT-Spezialisten oder Finanzierungsberater.

   

Frage: Sie setzen sich täglich dafür ein, Ihrer Branche mehr Gehör und Anerkennung zu verschaffen. Wie erfolgreich sind Sie?

Mattner: Es geht gut voran. Wir sorgen im Austausch mit Politik und Öffentlichkeit stetig für Aufklärung über die Bedeutung, Leistungsstärke und Innovationskraft unserer Mitgliedsunternehmen – und da gibt es dann auf der anderen Seite häufig erfreuliche Aha-Momente. Das Besondere an der Immobilienwirtschaft ist, dass ihre Akteure – bei all ihrer Vielfalt – einen gemeinsamen und wichtigen Auftrag erfüllen. Sie geben dem Leben in Deutschland Raum, und zwar buchstäblich: Sie planen, bauen, betreiben und pflegen die Gebäude, in denen privates, berufliches und gesellschaftliches Miteinander stattfindet. Gemeinsam entfalten sie so eine ungeheure Schlagkraft zum Wohle der Gesellschaft. An einer nachhaltigen, lebenswerten Zukunft in unseren Städten und Quartieren mitzuwirken, ist herausfordernd, aber auch hochspannend. 

    

Frage: Sie haben das Amt des ZIA-Präsidenten im Jahr 2009 übernommen. Wie haben sich die Herausforderungen – und damit auch die Immobilienwirtschaft selbst – seitdem verändert?

Mattner: Technologien, Branchen und ganze Gesellschaften entwickeln sich ständig weiter, gleichzeitig verändern sich die gesetzlich-regulatorischen Anforderungen und Rahmenbedingungen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Immobilienwirtschaft aus. Ein Beispiel: Die Wirtschaftspolitik hat in den vergangenen Jahren immer stärker interventionistische Züge angenommen, mit Eingriffen in Mietmärkte, strengeren Auflagen für Finanzmarktinvestoren und immer höheren energetischen Normen bei Gebäuden. Wir versuchen beständig klar zu machen, dass eine übertriebene Regulierung das grundsolide Wachstum der Immobilienbranche gefährdet. Gleichzeitig haben wir zahlreiche eigene Initiativen vorangebracht, beispielsweise für eine fairere Besteuerung und Regulierung von Gewerbeimmobilien, so dass wir die Rahmenbedingungen insgesamt stabil halten konnten. 

   

Frage: Stabile Rahmenbedingungen sind das eine, echter Fortschritt ist das andere. Ist die Immobilienwirtschaft in diesen herausfordernden Zeiten mit Themen wie Digitalisierung, Klimaschutz und Demografie aktiv und mutig genug, Innovationen voranzutreiben?

Mattner: Die Branche ist vielfältig und komplex, deshalb vollziehen sich Fortschritte je nach Segment natürlich in unterschiedlichen Ausprägungen und Geschwindigkeiten – und sie sind für die Öffentlichkeit auch nicht immer sofort sichtbar. Fakt ist: Die Immobilienwirtschaft ist immer in Bewegung, Stillstand kennen wir nicht. Richtig ist aber auch: Der Veränderungsdruck ist heute so groß wie nie. Denn die Megatrends Globalisierung, Alterung der Gesellschaft, Klimawandel und Digitalisierung sorgen für Umwälzungen, die es in dieser Breite und Wucht noch nicht gegeben hat. Mit ihnen verändern sich auch die Anforderungen an den Bau und die Nutzung von Gebäuden und die sie umgebende Infrastruktur. Ganze Märkte und Geschäftsmodelle werden durchgerüttelt, auch in der Immobilienwirtschaft kommen neue Technologien, Produkte und Dienstleistungen auf, treten neue Akteure auf den Plan. In anderen Worten: Wir sind mitten in einer historischen Transformation – und wir begreifen sie als gewaltige Chance.

    

Frage: Welche Themen stehen im Zuge dieser Transformation auf der ZIA-Agenda jetzt und in den kommenden Jahren ganz oben? 

Mattner: Die Schaffung von Wohnraum gehört per definitionem zu den wichtigsten Aufgaben der Immobilienwirtschaft. Wir setzen uns für ein echtes Bündnis aus Politik, Immobilienwirtschaft und Mietervertretern ein, damit Bauen schneller, einfacher und attraktiver wird. Bislang gibt es hier zu viel Regulierung und Bürokratie.

Beim Klimaschutz verfügt die Immobilienwirtschaft über enormes Potenzial, insbesondere durch die energetische Sanierung von Gebäuden. Wir setzen uns dafür ein, dass sie technologieoffen, für die Investoren wirtschaftlich und für die Nutzer sozialverträglich gestaltet wird. 

   

Frage: Welche weiteren Themen wollen Sie mit dem ZIA noch setzen?

Mattner: Nach der Corona-Pandemie muss es darum gehen, attraktive Quartiere und lebendige Innenstädte entweder zu bewahren oder wieder zu beleben. Wir wollen beispielsweise Energie und Mobilität in Quartieren klimafreundlich und effizient vernetzen. Und wir versuchen, darauf hinzuwirken, dass mehr Mittel in den Städtebau fließen, damit unsere Innenstädte nicht komplett aussterben. Bei allen genannten Herausforderungen spielt die Digitalisierung eine Schlüsselrolle: Neue Technologien machen Wohnen und Arbeiten klimafreundlicher, bequemer und sicherer. Sie ermöglichen ortsunabhängige Kommunikation und machen auch unternehmensinterne Prozesse schneller und günstiger. Unsere Mitgliedsunternehmen haben dieses Potenzial erkannt und nehmen immer mehr Geld für die Digitalisierung in die Hand.

    

Zur Person

Dr. Andreas Mattner (Jahrgang 1960) ist seit 2009 ehrenamtlicher Präsident des ZIA, Zentraler Immobilien Ausschuss Deutschland. Hauptamtlich ist er als Geschäftsführer der ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG tätig. 

Daneben ist er u.a. Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Lebendige Stadt" und Kuratoriumsmitglied der Alexander Otto Stiftung. 

Der promovierte Jurist war viele Jahre in der Politik aktiv: unter anderem als CDU-Mitglied in der Hamburgischen Bürgerschaft sowie in diversen Ämtern des Wirtschaftsrats der CDU.

Mattner ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Hamburg.

   

ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss e.V.